Bild: Berenice Llorens
SONIC THINKING
Kuratiert von Diego Moscoso
In den letzten Jahren hat Diego Moscoso immer wieder Konzerte organisiert, die sich mit Künstler:innen beschäftigen die im Bereich der experimentellen Musik sowohl Elemente der Klangkunst als auch musikalische Elemente als Werkzeuge zur Entwicklung ihrer verschiedenen künstlerischen Vorschläge nutzen. Diese Kombination ermöglicht eine doppelte Eingangstür, die somit einen großzügigeren Raum für ein mögliches Publikum.
Auch die künstlerische Tiefe ist ein Kriterium, die ausgewählten Künstler:innen nutzen experimentelle Musik/Klangkunst als Mittel, um Konzepte oder Ideen zu entwickeln. Die Ausrichtung der Konzerte ist vielfältig und abwechslungsreich. Aber die Prämisse ist dieselbe: Klang als Medium des Denkens. Von der Beziehung zur alten Musik, die entweder aus dem Osten (Tuce Alba) oder aus dem Westen (Simon Herody), das Denken in der Landschaft mit Feldaufnahmen und Instrumenten (Berenice Llorens) oder mit klanglichen/performativen Installationen (Pablo Torres Gomez), Künstliche Intelligenz und Neurobiologie (Moises Horta) und andere.
30. November 2025: thinking through sound:The inner self Julia Witas and Abigail Toll
Abigail Toll (UK)
„Idol“ ist das zweite Album der Komponistin und Klangkünstlerin Abigail Toll. Es ist eine Reaktion auf eine Begegnung mit dem Hypogäum in Malta: einer ehemaligen Begräbnisstätte, die von neolithischen Architekten zu Ehren der Natur entworfen wurde. Nachdem sie Tausende von Jahren in Stille gelegen hatte, wurde die Stätte im 20. Jahrhundert ausgegraben. Seine elliptischen Kammern, Göttinnenstatuen, Kuppeln und Korridore wurden zusammen mit einem tiefen Echo freigelegt, das angeblich physiologische Empfindungen im Körper beeinflusst. Der Archäologe Reuben Grima sagt, dass, wenn Stimmen die Resonanzfrequenzen des Tempels gemeinsam erklingen lassen, kraftvolle Schallreflexionen ein „kosmologisches Tor durch die Grenzen der Unterwelt in das Reich der Toten“ öffnen.
Ausgehend von den Resonanzfrequenzen und dem Nachhall des Tempels komponiert Toll eine
mehrdimensionale Klangumgebung, in der gestimmte Gläser, Stimmen, organische Objekte und
Elektronik miteinander verschmelzen. Die Platte vermittelt die transzendentale Natur neolithischer Tempel als ursprüngliche Orte für immersive, jenseitige Erfahrungen, an denen die Überreste gemeinschaftlicher Aktivitäten als verkörperte Erinnerungen nachwirken.
Julia Wittas (AT/USA)
Julia Witas ist eine in Berlin lebende multidisziplinäre Künstlerin, Sängerin und Performerin.
Mit Hilfe von Fotografie, Film, Installationen und Klang beschäftigt sie sich mit Themen wie Trauer, Tod, Natur, Symbolik und Traumerlebnissen. Mit einem intuitiven und experimentellen Ansatz nutzt sie dynamischen Gesang, Feldaufnahmen und multi-instrumentale, atmosphärische Klanglandschaften, um Klangkompositionen zu schaffen, die zwischen verschlingender, dunkler Verzerrung und schwebender, poetischer Zerbrechlichkeit schwanken.
Vision of Water von Julia Witas wurde am 3. November 2022 im Rahmen der Ausstellung „BestOFF 2022“ an der Kunstuniversität Linz live aufgeführt. Traumerlebnisse und persönliche Auseinandersetzungen mit Identität, Sexualität und Tod werden in Schichten sich wiederholender, multi-instrumentaler, atmosphärischer Klanglandschaften und metaphorischer Texte übersetzt, in denen die Grenze zwischen Illusion und Realität verschwimmt. Aufgeführt in einer Mehrkanal-Klanginstallation und in Nebel getaucht, ist Vision of Water ein ritualistisches, immersives Erlebnis.
Vorherige Termine:
16. November 2025: thinking through sound: Tradition Simon Herody and Tuce Alba
Tuce Alba (TK)
Tuce Alba (1996, Türkei) ist Architektin, Musikerin und Klangkünstlerin und lebt in Berlin. Sie
nutzt verschiedene Elemente, um durch Klang performative zeitliche Erfahrungen zu schaffen. Ihre
Arbeiten erforschen die strukturellen Details, die durch die Beziehung zwischen Klang und Raum entstehen, improvisierte räumliche Kompositionsstrukturen, die auf Zeit basieren. Als erfahrene „Ney“-Spielerin ändert sie auch akustische Forschungen zur Manipulation der Grenzen traditioneller Instrumente. In Live-Auftritten erzeugt sie rohen, schweren Lärm, Verzerrungen, tiefe Bässe und Rückkopplungen. Inspiriert von brutalistischen Strukturen behandelt sie Klang als feste Form, die sie in Echtzeit zerbricht und neu formt. Keine Melodie, keine Sanftheit, nur pure, physische Energie. Jedes Set ist eine Erkundung von Klang als Material, das ebenso sehr gefühlt wie gehört werden soll. Für diejenigen, die Intensität, Gewicht und die physische Wirkung von Klang suchen.
Die Ney, ein Instrument, das traditionell mit bestimmten Bildern und Ideologien assoziiert wird, wird überarbeitet, gedehnt und verzerrt – ihr Atem wird fragmentiert, neu synthetisiert und in eine neue Form verwandelt, die die Tradition herausfordert, aber dennoch mit ihr verbunden ist. Der Ansatz zielt nicht darauf ab, Tradition zu bewahren oder authentisch zu gestalten, sondern die fließende Natur des Klangs zu erforschen. Sie lehnt die Starrheit kultureller Hierarchien und festgefahrener Vorstellungen ab. Stattdessen untersucht sie Flexibilität, Unsicherheit und die physikalische Natur des Klangs. Durch eine solche Untersuchung öffnet diese Performance einen Raum, in dem das Potenzial des Klangs zur Transformation und zur Neugestaltung unserer Wahrnehmung in den Mittelpunkt gestellt wird.
Ein Atemzug wird zur Schwingung, die Schwingung wird zur Verzerrung. Diese Performance
untersucht die Tradition – nicht als feststehende Größe, sondern als Teil eines andauernden, sich entwickelnden Prozesses, in dem die Kollision zwischen alter Resonanz und moderner Klangbrutalität erforscht wird. Durch das Aufheben der Grenzen zwischen kulturellem Erbe und zeitgenössischem Lärm entsteht ein Raum, in dem diese Elemente koexistieren und sich gegenseitig neu formen.
Simon Herody (FR)
Simon Herody, geboren 1996, ist ein französischer Musiker und Klangkünstler, der es liebt, die Verbindungen zwischen Landschaften, Erinnerungen und Improvisation zu erforschen. Er studierte an der Kunsthochschule Villa Arson in Nizza und hat Klang zu einem sozialen und skulpturalen Medium gemacht, wobei er stets den Raum und die Gemeinschaft im Blick behält. Simon hat nie offiziell Musik studiert und hatte auch nie die Absicht dazu. Als Autodidakt begann er im Alter von 20 Jahren, ohne jegliche Absicht, Musik zu machen, auf einer Plastikklarinette zu spielen. Er war schnell begeistert und begann, mit allen Instrumenten zu experimentieren, die er in die Finger bekam: Saxophon, Akkordeon, Klavier usw. Als er 2020 nach Berlin zog, entdeckte er die elektronische Musikkomposition und begann, auf Tonband und Kassetten aufzunehmen, wobei er hingebungsvolle, instinktive elektroakustische Ambient-Musik schuf. In seinen Kompositionen und Performances mischt Simon Saxophon, Flöte und Klavier und lässt sich dabei von meditativem und spirituellem Jazz inspirieren, während er verschiedene andere Einflüsse einfließen lässt. Improvisation spielt eine große Rolle in seinem Schaffensprozess und hilft ihm dabei, immersive Stücke zu schaffen, in denen aktives Zuhören und Spontaneität unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum verändern.
„Lamina Aura” Lamina Aura ist ein elektroakustisches Projekt des französischen Komponisten Simon Herody, dessen Mittelpunkt ein Pedalharmonium aus den 1940er Jahren bildet. Durch die Verschmelzung von Ambient-Texturen, anhaltenden Drones und harmonischen Obertönen bietet das Projekt ein immersives Erlebnis des langsamen Zuhörens, bei dem Klang nicht als Erzählung, sondern als Umgebung wahrgenommen wird. Er wird zu Präsenz, Architektur und Atem in Bewegung. Im Mittelpunkt steht ein taktiler und räumlicher Ansatz für Klang: Das Harmonium wird durch einen fußbetriebenen Balg aktiviert und erzeugt sich entwickelnde Klangschichten, die durch körperliche Anstrengung, Resonanz und Raumakustik geprägt sind. Subtile vokale Gesten oder Elektronik können auftreten, stehen jedoch immer im Dialog mit dem Raum. Jede Aufführung wird zu einer ortsspezifischen Entfaltung, bei der der Raum nicht nur ein Behälter, sondern ein Mitinstrument ist.
2. November 2025: thinking through sound: Archive and AI Alejandra Borea and Moises Horta
Alejandra Borea (PE)
Lima, 1993. In Berlin lebende Musikerin, Klangkünstlerin und Forscherin mit einem Magisterabschluss in Philosophie, spezialisiert auf die Phänomenologie des Hörens und Sound Studies. Sie schreibt über Musik und Klang für verschiedene akademische und nicht-akademische Kulturplattformen und ist aktiv in der Berliner Musikszene. Seit der Gründung ihres Soloprojekts im Jahr 2020 hat sie drei EPs veröffentlicht, die sich mit Klangarchiven veralteter Kommunikationstechnologien und deren postmemorale Resonanzen im digitalen Raum. Ihre Arbeit wurde als feste Installation präsentiert auf Radiofestivals in ganz Amerika und Europa sowie in Installationen in Lima, Berlin und New Hampshire präsentiert. Derzeit leitet sie die Radiostation des unabhängigen Verlags Consuelo Press und arbeitet als unabhängige Forscherin.
Tocar lo sensible Diese Performance verbindet gesprochenes Wort mit minimalistischer Percussion und metronomischen Rhythmen, um Berührung, Zeit und Präsenz zu erkunden. Der Text entfaltet sich in drei Teilen, und wechselt von der Kraft des Schlags zur Intimität der Berührung. Klang wird zu einem Mittel der Denken: jeder Schlag eine Geste, jede Stille eine Möglichkeit. Am Ende suggeriert das Stück eine andere Art des Zuhörens (mit den Fingerspitzen, jenseits des Besitzes). Eine ruhige, nachdenkliche Meditation über das taktile Leben der Dinge.
Moisés Horta Valenzuela (MX)
Moisés Horta Valenzuela (1988, er/sie) ist ein autodidaktischer Klangkünstler, Technologe und
und elektronischer Musiker aus Tijuana, Mexiko, der in den Bereichen Computermusik, Künstliche
Künstliche Intelligenz und die Geschichte und Politik der aufkommenden digitalen Technologien. Als , fertigt er eine eine unheimliche Verbindung zwischen altertümlichen und hochmodernen Klangtechnologien, die durch eine kritischen dekolonialen Theorie im Kontext zeitgenössischer elektronischer Musik und der klanglichen Kunst. Seine Arbeit wurde auf der Ars Electronica, dem MUTEK México und dem Transart Festival präsentiert, MUTEK: AI Art Lab Montréal, Elektron Musik Studion, CTM Festival: Music Makers Hacklab, unter anderem. Derzeit ist er Artist in Residence in der Factory Berlin, wo er an neuen Projekten arbeitet. Kompositionen und Klangkunstinstallationen unter Verwendung von maschinellem Lernen arbeitet.
Der Name des Projekts, SEMILLA AI, leitet sich von dem Wort „Samen“ ab und stellt eine poetische Parallele dar zwischen der Deep Learning-Praxis der Verwendung von „Seeds“ (ganzzahligen Zahlen zur Erzeugung Pseudo-Zufallszahlen) und der mesoamerikanischen Mixe-Wahrsagerei der Antike und der Gegenwart Praxis, die als „Mook pajk wëjwë“ bekannt ist. In diesem Zusammenhang steht „Mook“ für Mais, „pajk“ bezieht sich auf einen Samen und „wëjwë (oder wëjpë)“ bedeutet Wahrsagen (Rojas, 2016). Die divinatorische Praxis dient als Schnittstelle, um den Zufall der realen Welt in den Prozess der Synthese von neuen Klängen unter Verwendung neuronaler Netze für die Klangsynthese. Das KI-Instrument SEMILLA verwendet Computer-Vision-Techniken, um die Koordinaten des geworfenen Mais in der „Weltraum“-Schnittstelle zu übersetzen und ihre Werte mit Hilfe von Reglern zu skalieren. Die Synthese-Engine läuft auf einem GPU-gesteuerten Mikrocomputer, einem Jetson Nano, der Audioinferenz in Echtzeit ermöglicht. Diese neuronale Audiosynthese-Engine basiert auf der Open-Source-Architektur namens „RAVE“: Realtime Variational Autoencoder‘, die von Antoine Caillon am acids-IRCAM entwickelt wurde. Sie verwendet eine decoder-only“-Ansatz, bei dem die Koordinaten des vom Computer erfassten Mais Bildverarbeitungsmodul erfassten Maiskoordinaten direkt in den ‚latenten Raum‘ abgebildet werden, wobei jedes Samenkorn einer bestimmten „Dimension“ im Decoder der VAE entspricht.
19. Oktober 2025: thinking through sound: Landscape Pablo Torres and Berenice Llorens
Pablo Torres Gomez (COL)
Pablo Torres Gómez ist ein Klangkünstler und Forscher, dessen Praxis sich mit den vielfältigen
Zeitlichkeiten befasst, die in die Materie eingeschrieben sind. Dabei bringt er ererbte Geologien ins Wanken und stellt sich auf die vielfältigen Echos ein, durch die planetarische Welten fortbestehen und auseinanderdriften.
Geoanthropologische Verstrickungen artikulierend, folgt diese Praxis hydrischen Agenturen.
Er verfolgt, wie Wasser geohistorische Prozesse formt, überträgt und neu artikuliert, und schlägt klangliche Gesten als Sprachen für die Sinngebung relationaler Ökologien vor. Diese Gesten überschreiten die epistemischen und materiellen Rahmen, die von der extraktiven Geologie auferlegt werden, und widersetzen sich der Reduzierung möglicher Zukunft auf singuläre, koloniale Trajektorien.
Durch diese Prozesse schlägt Pablo vor, Beziehungsmodi zu kultivieren, die auf Undurchsichtigkeit, Diskontinuität und Interdependenz beruhen. Er möchte transversale Räume für interspezifische Begegnungen öffnen und materielle Faltungen fördern, die für eine gemeinsam entstehende Zukunft sinnvoll sind.
Berenice Llorens (ARG)
Berenice Llorens ist eine Komponistin und Klangkünstlerin aus Córdoba in Argentinien, die derzeit in Berlin lebt. Sie nimmt Klänge aus der Natur, der Stadt und von Maschinen auf, recycelt sie und interpretiert sie neu, um sich entwickelnde klangliche Ökosysteme zu schaffen. Diese laden zu einer Reflexion darüber ein, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen, mit ihr interagieren und sie verändern. Llorens nutzt Loops und Delays als Werkzeuge, um die Wahrnehmung neu zu konfigurieren und die sich verändernde Natur des Gedächtnisses durch die ständige Neuinterpretation von Reizen nachzuzeichnen. Mithilfe von Mischtechniken und Klangverräumlichung erschafft und bewegt sie sich
durch klangliche Territorien, die im Bewusstsein, im Körper und in der emotionalen Resonanz verwurzelt sind – Räume, in denen der Klang fließend durch die Texturen von elektroakustischer Musik, die pulsierende Energie von Techno, die ausgedehnten Landschaften von Post-Rock und die meditativen Zustände von Ambient fließt und mutiert. Llorens’ Werk umfasst Performances, Kompositionen, Radio, audiovisuelle Arbeiten, Zeichnungen, Schriften und Kollaborationen. Sie forscht in den Bereichen Klang, künstliche Intelligenz und postnatürliche Studien.
Weitere Termine:
30. November 2025: thinking through sound:The inner self Julia Witas and Abigail Toll
