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Prototyping im Wohnungsbau?





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In diesem Jahr machen wir uns Gedanken über die Vergangenheit und welche Rolle die bereits gebauten und erprobten Utopien (oder auch die profaneren Lösungsvorschläge für ein modernes Wohnen) für die Lösung der heutigen Wohnungsfrage spielen könnten. Die Bezeichnung Prototyping bezeichnet Verfahren zur Findung von Modellen, die dann zur Anwendung gebracht werden können, in seinem Ursprung bedeutet es „Urbild“ (Prototypon).

Gerade für das erste behandelte Beispiel passt die Bezeichnung des „Urbildes“ perfekt, es ist Le Corbusiers „Unité d’Habitation” in Marseille, 165 Meter lang, 24 Meter breit und 56 Meter hoch, mit insgesamt 337 Maisonettewohnungen. Diese – im wahrsten Sinne des Wortes – „Wohnmaschine“ wurde in den 50er Jahren fertig gestellt und entgegen der Planung nicht als Sozialwohnungsbau abgeschlossen, sondern als Eigentum verkauft. Von Anfang an war der Block wegen seiner Proportionen umstritten und in den 70er und 80er Jahren galt er eher als Beispiel für das Scheitern des Gedankens „Wohnmaschine“. In den 2000er Jahren wurde er grundlegend saniert, modernisiert und, wie sein Gegenstück in Berlin („l’Unité d’Habitation Typ Berlin“), 2016 zum Weltkulturerbe hinzugefügt. Ursprünglich als günstiger Wohnraum für eher Geringverdienende geplant, nun eine Adresse für Hipster und Bildungsbürger mit genügend Einkommen. Bei dem Unité d’Habitation” war das zur gemeinschaftlichen Nutzung bestimmte Dach mehr als ein charmantes Detail, in Berlin wurde es aus Kostengründen gar nicht erst realisiert, hier zeigt sich die Kraft und die Utopie im egalitären Gedanken des Entwurfes. Für die Hausgemeinschaft geplant, mit Kinderkrippe, einem Fitnessraum, einem Pool, eigentlich ein Restaurant mit einer Bar, dann ein – allerdings zweckentfremdeter – Theater- und Versammlungsraum, eine Freilichtbühne, windgeschützte Picknickplätze; das Ganze wird umrundet von einer Laufbahn. Das Dach wurde 2013 privatisiert und an den Designer Ora Ito verkauft.

Das Interesse richtet sich bei dieser Untersuchung vor allen auf die Idee, dass bereits vorhandene Bauten bei weitem günstiger und schneller kopiert werden und hierbei auch aufgetretene Mängel und eventuelle Fehlplanungen behoben werden könnten, als bei kompletten Neuplanungen. Auch sind manche Bauten ihrer Zeit voraus gewesen, so dass die Bewohner*innen nichts mit ihnen anfangen konnten oder wollten, und heute ein größeres Potential „erwohnt“ werden könnte. Auch gab es andere Vorstellungen vom Umfeld, den Lebens- und Gesellschaftsbedingungen (Mobilität, Individualisierung, Digitalisierung etc.), sowie monetäre und zeitliche Zwänge, die zu Unterlassungen und Fehlern vor allem im Städteplanerischen führten. Somit könnten einige Bauten von „damals“ unsere Utopie von heute werden.

Die Frage des letzten Jahres bleibt: Welche Strategien könnten auch für ein städtisches Umfeld in Deutschland oder anderen Regionen Europas angewandt werden und vor allem: welche wären wünschenswert? Gefragt wird auch nach individuelle Strategien, die zum Teil am Rande der Gesellschaft bereits umgesetzt werden.