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Harun Farocki September bis Dezember 2019





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Harun Farocki im studio im HOCHHAUS

Kuratiert von Michael Freerix

Harun Farocki (1944 – 2014)

Geboren wurde Farocki am 09.01.1944 in Nový Jicin (Neutitschein), gelegen in dem damals von den Deutschen annektierten Teil der Tschechoslowakei. Ursprünglich wollte er Literat werden, doch seine Filmleidenschaft sorgte dafür, dass er sich 1966 an der neu gegründeten DFFB bewarb und sogleich angenommen wurde. Ab 1968 begann eine intensive filmische Arbeit mit über 100 Produktionen für Fernsehen oder Kino: Kinderfernsehen, Dokumentarfilme, Essayfilme, Storyfilme. Nebenher war er 1974 bis 1984 Redakteur bei der „Filmkritik“, die sich auf außergewöhnliche Weise mit der Produktion von Bildern und ihren Wirkungsweisen beschäftigte.

Diese Filmreihe verfolgt an Hand von Beispielfilmen den Schaffensweg rückwärts, von seinen letzten Produktionen, die sich mit Architektur beschäftigten, weiter zur Wirkungsweise von Räumen und architektonisch gestalteten Welten hin zum Thema der Kommunikation zwischen Menschen und Räumen. Vieles in seinen Filmen verweist auf die Arbeit von Jean-Luc Godard, einem der großen Vorbilder von Farocki, mit dessen Werk und Schaffen er sich Zeit seines Lebens auseinandersetzte. Neben seiner filmischen und schriftstellerischen Arbeit gesellte sich gleichberechtigt seine Lehrtätigkeit, der er mit viel Lust und Inspirationsfreude überall in der Welt nachging.

 

Auftakt

5. September: „Ein Bild von Sarah Schumann“ (1978, 30 min)

Dieser Film von Harun Farocki zeigt die Entstehung eines Bildes, an dem die Künstlerin neun Wochen gearbeitet hat. Sarah Schumann lebt in Berlin und ist eine Vorkämpferin der feministischen Szene. Zusammen mit einigen anderen Künstlerinnen organisierte sie 1977 die erste große Ausstellung, in der nur Arbeiten von Frauen gezeigt wurden.

Sarah Schumann malt figurativ, dass heißt, sie hat eine Technik entwickelt, bei der Collage und Malerei in mehreren Bildschichten über- und ineinandergearbeitet werden. Die Entstehung eines Bildes wird für den Betrachter zum Abenteuer.

 

26.September: „Sauerbruch Hutton Architekten“ (2013, 73 min)

Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton sind sehr erfolgreiche Architekten im deutschen Bausektor. Zirka 70 Mitarbeiter arbeiten in ihren Büros, bundesweit planten sie bisher unter anderem Großbauten wie die ADAC-Zentrale in München, das Umweltbundesamt in Dessau oder die Behörde für Umwelt und Stadtentwicklung in Hamburg. Im Film sieht man die konzentrierte Aktivität in den Büroräumen, die aufwändige Diskussion um Planungen und Planungsumsetzungen, und informelle Gespräche über Beteiligung an Wettbewerben. Bevor Bauten entstehen, entwickeln sich Denkmodelle, die, immer wieder überarbeitet, schließich zu Stein zu werden.

 

10. Oktober: „Nicht ohne Risiko“ (2004, 50 min)

Wer bei Banken einen Kredit aufnehmen will, braucht Sicherheiten. Hat er diese nicht muss er sich an Risikokapitalgesellschaften wenden. Diese entscheiden vom vorgeschlagenen Projekt ausgehend, ob dieses kreditwürdig ist oder nicht. Im Film sieht man dieses Ringen um eine Kreditlinie, bei der verhandelt, verworfen, neu diskutiert und wieder verhandelt wird. Ob es am Ende zu einer Einigung kommt, hängt von vielen Faktoren ab und nicht unbedingt vom Projekt, um das es sich eigentlich handelt.

 

24. Oktober: „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ (2001, 72 min)

Der Werber kennt kein „Shopping“, er redet von der Kommunikation zwischen Kunden und Produkt. Dieses wird angeregt durch die Umgebung, in der Kunde und Produkt aufeinander treffen, hierzulande hauptsächlich in so genannten ‚Shopping-Malls‘. Wie diese geplant und gedacht sind, ist in diesem Film an einem Beispiel heraus gearbeitet. Viele Spezialisten arbeiten dabei Hand in Hand, vieles in diesen Gesprächen dreht sich um Psychologie und Gespür. Entscheidend ist schließlich, wohin der Blick des Kunden fällt oder wie ein „spontaner“ Kaufakt verursacht werden kann.

 

07. November: „Leben BRD“ (1990, 83 min)

Das Leben in der Industriegesellschaft wird immer komplexer und widersprüchlicher. Deshalb arbeiten viele Firmen an Simulationsprozessen, durch die sich Menschen, die in diesen Firmen arbeiten sollen, auf unvorhersehbare und vorhersehbare Arbeitssituation einstellen, und ihr Verhalten praktisch im Trockenversuch „einstudieren“ können. „Leben BRD“ zeigt diese Übungsprozesse, in denen auf das Unvorbereitetsein vorbereitet wird. Mental, körperlich und intellektuell.

 

21. November: „Die Schulung“ (1987, 44 min)

Als eine Art „Vorarbeit“ zu „Leben BRD“ entstand dieser Film, in dem Angestellte lernen sollen, sich und die Firma, die sie vertreten, „besser zu verkaufen“. Da geht es um die einfachsten Dinge des Lebens, wie man eine Tür öffnet, sich auf einen Stuhl setzt, jemanden begrüßt, eine Tasse Kaffee trinkt. Alles hat in dieser speziellen Verhandlungssituation eine besondere (und kann von entscheidender) Bedeutung sein. Nicht die Sache an sich wird zum Thema, sondern wie der Verkäufer Atmosphäre herstellt, in der er einen guten Verkauf tätigen kann, ohne dass dies der Käufer bemerkt.

 

05. Dezember: „Etwas wird sichtbar“ (1981, 114 min)

„Etwas wird sichtbar“ handelt von Distanzen, von Beziehungen zwischen diesen Distanzen. Er erklärt auch nicht, er erinnert nur daran, dass nie zuvor ein Krieg wie der Vietnam-Krieg derart massiv medial verwertet wurde. Trotzdem steht die Frage im Raum, ob diese Bilder seinen Verlauf mitbestimmt hätten. Er zeigt die Nachwehen, die Kriegseffekte. Er kombiniert ein historisches Motiv mit einem romantischen. Vietnam und ein Liebespaar. Und stellt eine moderne Version des Filmes „Hiroshima mon Amor“ eines Alain Resnais dar, nach dem Buch von Marguerite Duras.